Persönlichkeitsentwicklung dank Herpes. Oder: Mama wünscht sich Eier.

Nach kräftezehrenden Wochen und Monaten sehe ich seit gestern aus wie Donald Duck. Oder wie Chiara Ohoven zu ihren peinlichsten Zeiten. Schlauchbootlippen vom Osterhasen sozusagen.

Früher dachte ich, mein wiederkehrender Herpes wolle mir sagen: »Liebe Julia, es ist an der Zeit, auf die Bremse zu treten. Leg bitte die Füße hoch, atme tief und gönn dir etwas Ruhe.« Aber heute springt mich die tatsächliche Analogie an wie ein gedrillter Kampfhund. Statt Meditation und Entspannung brauche ich etwas ganz anderes. Mein Herpes sagt nichts, sondern er schreit mir aus dem Spiegel entgegen: »Riskier endlich mal eine dicke Lippe, verdammt! Mach den Mund auf und dich selbst damit unbeliebt!« Dieses ewige Gemochtwerdenwollen geht mir derart auf den Piss, dass ich richtig vor mir sehe, wie sich mein inneres Kind genervt die Hand vor die Stirn schlägt, während ich mich ungerecht behandeln oder für dumm verkaufen lasse.

Zum Beispiel gestern. Am Dienstag habe ich in unserem benachbarten Reformhaus einen grünen Edelsteinring für mich gekauft. Er war wunderschön, nicht sehr teuer und keine 24 Stunden später zerbrochen. Dabei habe ich damit weder Holz gehackt noch im Duplo gewühlt. Auf meine Reklamation hin sagte die esoterische Verkäuferin milde lächelnd: »Dann war das wohl nicht der richtige Stein für Sie. Umtauschen oder Ihnen das Geld erstatten kann ich leider nicht.« Und anstatt dass ich ihr antworte, sie solle sich ihre pseudoenergetischen Abzockmethoden in den Popo stecken oder zumindest den Hersteller kontaktieren, habe ich nur den Laden verlassen. Zwar mit dem Gedanken, dort in Zukunft nicht mehr einzukaufen, aber eben nur mit dem Gedanken. Mein Sohn war dabei und hat durch meine fehlenden Eier gelernt, dass es okay ist, sich abkanzeln zu lassen.

Dabei entsteht mein Psychostress nicht durch andere Menschen, die blöde Dinge sagen, sondern durch meine viel zu nette Reaktion. Ich reagiere professionell, beherrscht, verständnisvoll und pädagogisch tadellos, nur um danach vor lauter Wut nächtelang nicht in den Schlaf zu finden. Würde ich direkt sagen, dass ich verärgert oder nicht einverstanden oder was auch immer bin und etwas anders haben will, ließe mein Stress nach. Und mein Herpes hoffentlich auch.

Es ist doch – in Wirklichkeit – egal, ob die Reformhaustussi, die Tagesmutter oder sonst wer mich mag. Wenn es um unseren Sohn geht, werde ich – wie in sehr weit zurückliegenden Blogartikeln beschrieben – zur Löwenmama. Greift ihn jemand an, kann ich verdammt laut brüllen und stelle mich bedingungslos an seine Seite. Und ich nehme mir vor, zukünftig auch für mich selbst genauso einzustehen. Den Mund aufzumachen, wenn mir jemand seine eigene Inkompetenz zuschieben will, Grenzen überschreitet oder übergriffig wird. (Dazu wird es bald einen neuen Blogartikel geben, wir tun »es« nämlich schon wieder…)

Und wenn ich das manchmal nicht für mich selbst schaffe, möchte ich es zumindest unserem Kind vorleben. Statt »Oh, Mama lässt sich rumschubsen. Es ist also okay, sich rumschubsen zu lassen« wünsche ich mir ein »Oh, Mama hat Selbstachtung. Es ist also gut, Selbstachtung zu haben.«

In diesem Sinne eine fröhliche Eiersuche und sonnige Ostern!

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